Alois Gerig: „Nach dieser Krise werden wir eine ganz neue Lebensfreude empfinden.“

20.03.2020

Gestern habe ich den Fränkischen Nachrichten ein Telefoninterview zur Corona-Pandemie gegeben.

Schwerpunkte waren die politischen Herausforderungen und Maßnahmen, das Verhalten während der Krise, aber auch die tolle Solidarität, die wir in unserer Heimat tagtäglich erleben können.

Das ganze Interview finden Sie unten stehend oder unter "Mehr zum Thema".

Telefoninterview mit den Fränkischen Nachrichten/Autor Sabine Holroyd, erschienen in der Ausgabe vom 20.03.2020:

Odenwald-Tauber. Die Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Odenwald-Tauber haben angesichts der Ausbreitung des Coronavirus zu Solidarität aufgerufen. In einem Appell forderten Alois Gerig (CDU), Nina Warken (CDU) und Charlotte Schneidewind-Hartnagel (Bündnis 90/Die Grünen) die Bevölkerung unter anderem dazu auf, alles zu unternehmen, um besonders gefährdete Gruppen wie ältere und vorerkrankte Menschen zu schützen.

Im FN-Telefoninterview äußerte sich MdB Alois Gerig, Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft, am Donnerstag zur aktuellen Krise und ihren immensen Herausforderungen.

Herr Gerig, wie geht es Ihnen?

Alois Gerig: Ich fühle mich kerngesund und habe viel Luft in meinem Kalender – die offiziellen Termine sind fast alle abgesagt. Dennoch komme ich nicht von meinem Schreibtisch weg. Ich erhalte unter anderem sehr viele Anrufe und E-Mails besorgter Bürger aus allen möglichen Branchen, die nicht nur um ihre Gesundheit, sondern auch um ihre Existenz bangen.

Durch die sehr einschneidenden restriktiven Maßnahmen, die von uns allen viel abverlangen, bin ich jedoch zuversichtlich, dass man hoffentlich in rund zwei Wochen wieder dazu übergehen kann, manche Einschränkungen zu lockern.

Wie fanden Sie die Fernsehansprache der Kanzlerin?

Gerig: Sie hat die dramatische Lage sehr gut zum Ausdruck gebracht. Ich bin überzeugt, dass die Bürger in Deutschland die Botschaft verstanden haben. Es geht nicht nur um die Gesundheit des Einzelnen, sondern besonders auch um die der Menschen, mit denen man in Kontakt kommt.

Wann waren Sie das letzte Mal im Bundestag? Wie waren Ihre Eindrücke?

Gerig: Vor zehn Tagen. Man kann spüren, dass das politische „Gezänke“ in ein vernünftigeres Wording übergegangen ist. Die Abgeordneten kümmern sich sehr vernünftig um die aktuelle Situation und nicht etwa darum, wie sie dem politischen Gegner schaden können. Das ist schön zu beobachten. Genauso gefällt mir auch die große Solidarität und Hilfsbereitschaft quer durch alle Bevölkerungsschichten. Besonders dankbar bin ich allen, die von Berufs wegen ganz vorne an der Front stehen.

Sie warnen auf Ihrer Abgeordneten-Homepage explizit vor Hamsterkäufen.

Gerig: Ich warne auch vor Fake News, denn ganz schnell kann man die Menschen durch die sozialen Medien in Panik versetzen. Ich habe kein Verständnis dafür, dass in den Lebensmittelläden Produkte ausverkauft sind, obwohl der Nachschub gesichert ist. Halbleere Regale sind nur deshalb vorzufinden, weil die Bürger exorbitant viel einkaufen. Das muss jedoch mit Maß, Ziel und Vernunft geschehen. Außerdem verderben Lebensmittel, wenn man zu viele bevorratet. Aus Nachhaltigkeitsgründen ist das natürlich der allergrößte Unsinn.

Die Situation der Bauern sowie ihre Proteste geraten durch die Coronakrise völlig in den Hintergrund, hat man das Gefühl.

Gerig: Den Bauern geht es ja nicht um Protest um des Protests willen. Ihnen geht es darum, auf ihre schwierige Lage aufmerksam zu machen: nämlich dass Lebensmittel in Deutschland viel zu günstig sind, dass sie als Landwirte mit schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu kämpfen haben und darüber hinaus die Wertschätzung für Lebensmittel und deren Produzenten verloren gegangen ist.

Dies alles führt dazu, dass wir ein großes Höfesterben in Deutschland haben – mit der Konsequenz, dass wir mehr und mehr Lebensmittel einführen müssen. Ich glaube, dass die Corona-Krise manche Diskussion verändern wird.

Können Sie das konkretisieren?

Gerig: Ich denke da an die Globalisierung. Wir haben uns bei Medikamenten in hohem Maße von Importen abhängig gemacht. In manchen Teilen der Automobilindustrie sind wir auf Zulieferer aus Fernost angewiesen. Da stoßen wir jetzt an Grenzen und müssen manches neu überdenken.

Glücklicherweise haben wir bei den Lebensmitteln – zumindest bei denen, die für die Grundversorgung wichtig sind –, noch einen guten Versorgungsgrad, so dass die Bürger keine Sorgen haben müssen, dass Brot, Brötchen oder Wurstwaren ausgehen.

Das ist aber nur so, weil wir in Deutschland flächendeckend Bauern, Bäcker und Metzger haben. Wir werden vielleicht erleben, dass es bei manchem großen Lebensmittelhandel, der seine Teiglinge für die Backautomaten aus der ganzen Welt bezieht, zu Engpässen kommen kann – nicht aber bei unseren Bäckern, die ihre Produkte von den Bauern über die Müller aus der Region beziehen.

Das ist gut zu wissen und hilft hoffentlich auch, die Wertschätzung für Lebensmittel und deren Produzenten wieder zu erhöhen.

Die Situation ist auch für kleine mittelständische Betriebe dramatisch . . .

Gerig: Das stimmt. Manche Branchen wie etwa Gaststätten und Hotels verlieren von einem Tag auf den anderen ihre Gäste. Das gilt auch für die Tourismusbetriebe, wie wir sie bei uns in der Region zuhauf haben. Sie müssen alles stornieren und dürfen definitiv keinen Gast mehr annehmen. Diese Einnahmen fallen plötzlich komplett weg.

Heute Morgen hatte ich schon Gespräche mit Staatssekretären und Ministern. Sie alle sind der Meinung, dass das, was jetzt auf die Schnelle beschlossen wurde und wird, richtig ist – wie zum Beispiel die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes oder die Liquiditätskredite, die unbürokratisch gewährt werden. Da muss man auch die Hausbanken mit einbeziehen, die natürlich ebenfalls ihre Sicherheitsvorschriften haben.

Manche Betriebe, zum Beispiel aus der Gastronomie, die nur über gemietete Räumlichkeiten und Immobilien verfügen, kommen schnell an ihre Grenzen, weil ihnen die Sicherheiten für Kredite fehlen. Das sind Themen, über die wir sehr intensiv nachdenken.

Ich freue mich deshalb sehr, dass der Landtag von Baden-Württemberg nun den Weg für einen fünf Milliarden Euro großen Rettungsschirm für die Wirtschaft frei gemacht hat. Damit können Insolvenzen vermieden und besondere Härten abgefedert werden.

Es ist außerdem positiv, dass wir in den vergangenen zehn Jahren eine hervorragend aufgestellte Konjunktur mit wenigen Arbeitslosen und guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hatten. Das hat Geld in die öffentlichen Haushalte gespült und hilft uns jetzt eben auch, milliardenschwere Hilfsmaßnahmen zu ergreifen. Natürlich tun sie weh. Aber das sind wir unserer Bevölkerung schuldig – da geht es nicht nur um Unternehmer, sondern auch um Arbeitsplätze.

Sie sind seit elf Jahren Bundestagsabgeordneter. Waren Sie schon mal in solch einer Lage, dass Sie, wie Sie eingangs sagten, zuhause von sorgenvollen Bürgern angerufen werden?

Gerig: Nicht in diesem Maße. Aber keine einzige Zuschrift, kein einziges Telefonat ist vergebens. Deshalb bin ich ja der gewählte Wahlkreisabgeordnete, um mich für meine Bürger einzusetzen – egal, ob sie Bürgermeister, Unternehmer oder ganz normaler Arbeitnehmer sind.

Dafür bin ich da, und ich gebe alle diese Sorgen gebündelt weiter. Wir führen Telefonkonferenzen auf ganz verschiedenen Ebenen, um gemeinsam dafür zu sorgen, dass wir diese akute Situation in irgendeiner Form händeln können.

In meinem Fachbereich sind es zum Beispiel die Sorgen um die Sonderkulturenbetriebe, die dringend Saisonarbeiter brauchen. Ich kämpfe dafür, dass diese Saisonarbeiter, die überwiegend aus osteuropäischen Ländern kommen, eine Chance haben, trotz Sperren durchreisen zu dürfen.

Ich freue mich sehr über Plattformen wie etwa die der Maschinenringe, die Landwirte und Hilfswillige zusammenbringen. Das ist eine schöne Entwicklung, die ganz viel mit Solidarität zu tun hat und nichts mit dem Wunsch, Geld zu verdienen. Diese Menschen wollen einfach helfen. Diese Welle der Hilfsbereitschaft finde ich sehr schön.

Sehen Sie darin auch die Chance für den ländlichen Raum, jetzt noch mehr als sonst schon zusammenzuhalten und für einander da zu sein?

Gerig: Ganz sicher. Das ist das Großartige – und da kann ich gar nicht oft genug Danke sagen – wie die Menschen jetzt zusammenstehen, wie sehr man sich hilft.

Haben Sie einen Appell an die FN-Leser?

Gerig: Zuerst einmal bin ich total begeistert von der Disziplin, die ich überall feststelle. Bewundernswert fand ich die Blutspendeaktion des DRK in Höpfingen: Mit wieviel Geduld und Disziplin die vielen Spender bereit waren, diese fast 100 Meter lange Warteschlange mit dem nötigen Abstand in Kauf zu nehmen, um zu helfen – das war einfach wunderbar. Genau diese Hilfsbereitschaft macht den ländlichen Raum aus. Sie ist aber auch eine Eigenschaft von uns Deutschen: Wir jammern zwar mal schnell, wenn uns eine Laus über die Leber läuft, aber wir stehen zusammen, wenn es ernst wird. Und jetzt wird es gerade ernst.

Ich appelliere daran, durchzuhalten und die Verbote zu befolgen. Die Menschen sind nach meiner Erfahrung sehr verständig und sehr vernünftig. Sie sehen ein, dass man an Ostern nun eben daheimbleiben muss und nicht in Urlaub fahren kann.

Wir befinden uns in einer besonderen Situation. Ich bin überzeugt: Wenn diese Krise überstanden ist, werden wir eine ganz neue Lebensfreude empfinden. Auch wird der Wunsch nach Konsum zurückkommen, das wird der Wirtschaft in allen Bereichen zugute kommen.

Nach Corona wird nicht wieder alles so sein wie davor – ich denke da besonders auch an die Diskussion um die Globalisierung und die Wertschätzung der Lebensmittel und ihrer Produzenten.